Distanzzonen? Vergessen Sie ihr Metermaß!

Körpersprache und Nonverbale Kommunikation sind ein noch ziemlich junges Gebiet der Kommunikationsforschung. Unter „Körpersprache“ wurde bis weit in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts allein das Ausdrucksverhalten von Schauspielern verstanden. Das änderte sich als die ersten Forschungen zur nonverbalen Kommunikation Ergebnisse lieferten, die sich populärwissenschaftlich und damit breitenwirksam umsetzen ließen. Die populäre Beschäftigung mit der Körpersprache generierte schnell Erwartungen, die sich nur als überzogen, ungerechtfertigt, spirituell und in vielen Fällen geradezu als manipulativ bezeichnen lassen. Die Gedanken anderer lesen zu können, ist ein Beispiel dafür. Von den echten Ergebnissen der Forschung drang nur ein Hauch in die allgemeine Luft: es gäbe Zonen, Distanzzonen, bis zu deren Grenze man sich dem anderen Menschen nähern dürfe; bei der Verletzung der Grenze müsse man notfalls mit Rabattz rechnen. Die Armeslänge wurde zum Maß dieser Dinge und diesen Maßstab treffen wir heute immer wieder bei den Teilnehmern in unseren Seminaren zur nonverbalen Kommunikation an.

Gegen die Popularisierung wissenschaftlicher Ergebnisse ist nichts zu sagen, sie ist vielmehr zu begrüßen, auch dann wenn die Tatsachen arg verkürzt und verbogen werden. In dem Fall der Distanzzonen treffen wir aber auf ein grundsätzliches Missverständnis und das ist zu klären.

In der Sachliteratur zur Kommunikation, in Ratgebern und auf vielen Websites finden wir das Modell das Distanzzonen, das sich weitgehend an Edward Hall anlehnt. Die vier Zonen werden meistens zutreffend genannt: öffentlicher Raum, sozialer, persönlicher und Intimraum. Immer – wir haben noch keine Ausnahme feststellen können – werden dazu auch Distanzangaben in Zentimetern oder Metern gemacht. Im Begleittext wird dann oft erwähnt, wie kultur- oder situationsabhängig die Distanzangaben sind.

Dass die Distanzangaben auch mit dem Alter variieren können, mit der sozialen Schicht der beobachteten Person und mit dem Gesundheits- bzw. Krankheitsstand und dem Geschlecht (biologisch und sozial), ist dann nicht mehr auf dem Schirm. Die Distanzangaben in Zentimetern gelten also für gesunde Mitteleuropäer mittleren Alters und Einkommens. Also die Personengruppe, die auch populärwissenschaftliche Bücher zur Körpersprache kauft. Das Grundgerüst der ausgemessenen Distanzzonen wird in diesen Büchern bisweilen angereichert mit Informationen, welche Aktionen in der jeweiligen Zone möglich oder nicht möglich sind.

Die Frage nach dem Nutzen dieser Informationen drängt sich geradezu auf. Wie lässt sich mit ihnen das eigene Kommunikationsverhalten erklären, verstehen und weiter entwickeln? Die Frage muss erlaubt sein, denn die populärwissenschaftlichen Darstellungen der Distanzzonen sind irgendwie berechtigt, weil sie nicht ganz falsch sind.

Richtig können diese Darstellungen erst werden, wenn die grundlegende kommunikative Funktion und Bedeutung der Distanzzonen erfasst wird. Menschen klären und regeln ihre Beziehungserwartungen an andere in der Annäherung an einen anderen Menschen durch verschiedene Zonen des Abstandes zueinander.

Wichtig für das Verständnis der Distanzzonen ist also nicht, welche Entfernungen in ihnen zurückgelegt werden und wie sich Abstände verringern oder erweitern, sondern was auf der beteiligten Personen Beziehungsebene erwartet wird und geschieht. Das Schlüsselwort zum Verstehen der Distanzzonen ist also nicht „Distanz“, sondern „Beziehung“. Skizzieren wir den Gedanken anhand der vier klassischen Distanzzonen nach Edward Hall:

  • Die Öffentliche Zone: Die Menschen in dieser Zone nehmen einander durch Blickkontakt wahr; wenn sie es wollen. Sie können aufeinander reagieren, sehen sich aber nicht vor die zwingende Notwendigkeit gestellt, das zu tun. Es besteht kein Druck, die Aufnahme einer Beziehung zu signalisieren. Sprachliche Äußerungen sind überwiegend Signalbotschaften.
  • Die Soziale Zone: Der Übergang zur sozialen Zone findet da statt, wo Signale der Wahrnehmung und der Beziehungsgestaltung zwingend erwartet oder ausgetauscht werden. In Blicken und Gesten wird signalisiert, dass die Anwesenheit des anderen wahrgenommen wurde. Beschwichtigungssignale sind notwendig, damit die Annäherung nicht als Aggression verstanden wird. Es besteht ein Druck, dass der andere signalisiert, die Annäherung wahrgenommen zu haben und damit einverstanden zu sein. Spätestens in dieser Zone beginnen die Menschen einander zu grüßen, sehr oft mit Gesten, die Berührungen symbolisieren. In der Sozialen Zone werden die Annäherung und die Grundlage der Beziehung geklärt.
  • Die Persönliche Zone: In dieser Zone sprechen sich die Personen als Beziehungspartner an, auch wenn sie sachliche Botschaften geben. Sie geben einander persönliche Rückmeldungen. Der Ertrag des Austausches für die Beziehungsentwicklung ist hoch. Berührungen sind möglich aber nicht zwingend erforderlich.
  • Die Intimzone: In dieser Zone sind Berührungen nicht zu vermeiden. Es gibt keine sachlichen Botschaften, deren Austausch auf diese Zone beschränkt ist. Die gesprochene Sprache verliert ihre Funktion, Sachbotschaften auszutauschen, es werden nur Beziehungsbotschaften ausgetauscht.

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