Die Weintraube des Oberkellners

Urlaub, Sonne, Strand –die Basis für zwei Wochen in einem griechischen Hotel. Das Zimmer blickte meerwärts in den Sonnenaufgang hinein, die Küche war vorzüglich und der Service passte ausgezeichnet dazu. Wir mussten ungefähr gleich alt sein – der Oberkellner und ich. Damit endeten die wahrnehmbaren Gemeinsamkeiten. Die spürbaren Unterschiede lagen woanders: Er hieß „Konstantinos“, so stand es in gut lesbaren lateinischen Lettern auf seinem Namensschild, darunter in schwächerer Schrift „Constantin“. Einen griechisch geschriebenen Vornamen gab es nicht, sein Nachname wurde mir vorenthalten. Also sprach ich ihn als „Konstantinos“ an, ließ aber eine weitere Anrede fort. In feierlichen Momenten, bei der täglichen Begrüßung oder wenn die Getränkebestellung abgeschlossen war, war ich „Sir“, sonst „Mister“. Da ich kein Namensschild trug, blieb es dabei.

So kamen wir miteinander durch die Tage. Natürlich war ich freundlich zu ihm, wir redeten stets ein paar Sätze miteinander – das Wetter, die Sonne, der Wein, über all den nichtigen Blödsinn eben, von dem uns die Reiseveranstalter glauben machten wollen, er sei der einzige Lebensinhalt der ortsansässigen Bevölkerung. Außer natürlich das Abräumen der Teller. Die Verständigung hangelte sich durch ein paar Sprachen, etwas Deutsch, etwas Englisch – ein paar Brocken hier, ein paar Brocken da. Ich grüßte auf Griechisch, oder was ich dafür hielt. Konstantinos war tolerant genug, meine merkwürdigen Griechischversuche zu akzeptieren.

Über Schranken hinweg schienen wir in einem gleich zu sein: beide waren wir morgens früh zur Stelle. Nach dem Abenddienst, der um elf Uhr mit dem Herrichten der Frühstückstische endete, war er acht Stunden später schon wieder vor Ort – zusammen mit mir, der vom Frühsport kam. Doch gerade diese sichtbare Gemeinsamkeit zur gleichen Zeit frühmorgens am gleichen Ort zu sein, markierte die Grenzen zwischen uns am deutlichsten. Auf deren schlechter Seite, also der mit dem niedrigen Lohn, den miesen Arbeitszeiten, der Winterarbeitslosigkeit und der fehlenden Absicherung steht man morgens früh auf, weil man es muss, je schlechter die Seite ist, desto früher. Auf der besseren Seite, also auf meiner, treibt man bei Sonnenaufgang Sport, meditiert beim Gezeitenwechsel oder beobachtet die griechischen Möwen.

Habe ich schon erwähnt, ist es zu ahnen, dass wir uns mochten – über alle Grenzen hinweg? Trotzdem fühlte ich mich in der Situation unbehaglich. Meine Versuche, durch Zuwendung und Freundlichkeit mehr als die groteske Fiktion einer Kommunikation auf Augenhöhe mit Konstantinos herzustellen, scheiterten an der zementierten Ungleichheit zwischen uns.

Konstantinos war es dann, der zu Anfang der zweiten Woche einen starken Kommentar zu unserer Beziehung abgab. Beim Frühstücksbuffet morgens um sieben war noch nicht viel los im Speisesaal. Den Kaffee gab es in einem Automaten und ich hatte an Konstantinos keinen Wunsch, den das riesige Buffet nicht bereits erfüllt hätte. Also ging er mit der typischen Körperhaltung des aufmerkenden Service-Personals durch den Saal: gemessenen Schrittes und mit offenen Händen, die nichts hielten, aber stets bereit waren zuzugreifen, aufmerksamen aber nicht beobachtenden Blickes, ziellos aber überall präsent.

Am Obstbuffet stellte ich mir gerade meinen morgendlichen Früchteteller zusammen, als er näher kam. Seine Art zu gehen veränderte sich. Ich sah ihn an, er schaute zurück. Als er ungefähr drei Meter von mir entfernt war, wurde sein Dienst-Gang zu einem Schlendern, zwei Metern neben mir blieb er bei den Weintrauben stehen und während wir uns weiter ansahen und nun zulächelten, zwackte er wie selbstverständlich ohne hinzuschauen eine Weintraube ab, die er in den Mund steckte. Ein Bauer lässt Ähren durch die Hand laufen, der Firmenchef rückt bei der Besichtigung ein Werkzeug gerade, der Hausbesitzer gibt dem Mobile im Eingang einen sachten Schubser. Das alles sind selbstverständliche Gesten, die Besitz, Verfügungsgewalt und Rechte andeuten.

Langsam und genießerisch kauend, schaute Konstantinos mich weiter an und zwinkerte lächelnd mit dem rechten Auge. Das Lächeln wurde von einer leichten Schräghaltung des Kopfes begleitet, natürlich mir zugeneigt. Ich nickte lächelnd zurück und legte mir eine Kiwi auf den Teller. Konstantinos drehte sich um und schlenderte davon. Nach einigen Metern hatte er wieder seinen Dienst-Gang angenommen.

Konstantinos hatte meinem erfolglosen Bemühen um eine Beziehung auf Augenhöhe seinen eigenen Vorschlag entgegen gesetzt. Er war neben mir kein Service-Personal mehr, den die Verhältnisse zum Dienst zwangen, keiner mehr, der meiner Bequemlichkeit durch Bedienung Erfüllung gab, sondern der Hausherr, dessen Gast ich war und den er bewirtete.

Ausgerechnet eine Weintraube zu wählen, um Augenhöhe zu verdeutlichen, war unerwartet, seine Absicht, vielleicht sein Plan und auf jeden Fall die gelungene Ausführung waren dagegen nicht überraschend. Wir beide rangen die ganze erste Woche darum, eine Basis herzustellen, auf der wir uns authentischer begegnen konnten als in den Rollen, die uns die Situation vorschlug und zugleich auferlegte. Ihm gelang es schließlich, die Situation zu verändern.

Der Wechsel zum Schlendern war Ankündigung des Wechsels und geschah noch im öffentlichen Raum – ich hatte Zeit genug, den Wechsel wahrzunehmen und zu deuten. Der geneigte Kopf vollzog den Wechsel und eröffnete mir den Vorschlag, wie ich reagieren könnte. Das Zwinkern schloss den Raum gegen andere ab: „wir beide“ war die Botschaft –so gut miteinander vertraut, dass wir gar nicht genau hinsehen müssen, um einander zu kennen. Fast schon, wenn auch mit einer kleinen Übertreibung, kann das Zwinkern heißen: wir vertrauen einander blind – zumindest ich Dir und bin mir dabei sicher, dass auch Du mir vertraust. Den Augenkontakt mit einem Lächeln zu halten, versicherte mir und ihm, wie wenig zufällig diese Begegnung jetzt war, nicht verschwiegen werden musste, sondern dass wir endlich auf der Augenhöhe angekommen waren, um die wir beide uns so bemüht hatten. Nebenher eine Weintraube abzuzwacken, ohne hinzusehen, war die Geste des Könners und Gastgebers. Muss man noch ein Wort über den Gaumengenuss sagen, dem sich Konstantinos so deutlich sichtbar hingab? Der Genuss interpretierte die Szene: Freiwilligkeit und keine Not, Abwesenheit von Zwang und reines Wohlwollen, Freundlichkeit – wir waren auf Augenhöhe angekommen und blieben es für den Rest des Urlaubs.

Er wusste auch meinen letzten Urlaubstag und fragte rhetorisch: „Your last urlaubstag, tonight.“ Ich sagte: „Ja“ und „Yes“. Beim Abschied schüttelten wir einander fest die Hände - wortlos.

Quelle Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Weintraube; https://upload.wikimedia.org/.... Department o Agriculture — Agricultural Research Service [Public domain]

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