Probleme mit Auszubildenden – oder Schwierigkeiten?

Fragt man Ausbilder und Berufspädagogen, mit welcher Aufgabe sie am meisten zu tun haben, wird man wahrscheinlich hören, dass sei die Motivation der Auszubildenden. Motivation ist der Kern, der letzte Grund, eine Ausbildung zu beginnen. Motivation ist ein schwieriges Gelände, unübersichtlich weil nebelhaft und sumpfig zudem, weil man schnell in ungeahnte Tiefen der Persönlichkeit versinken kann. Aber ohne sie geht nichts. Eine (erfolgreiche) Ausbildung ohne Motivation zu denken, ist als würde man versuchen, ein Auto ohne Treibstoff zu fahren.

Schauen wir genau hin und nicht nur in die betroffenen Gesichter von Ausbilderinnen und Azubis, fällt ein Unterschied mehr und mehr ins Auge. Es wird von „Problemen“ gesprochen und von „Schwierigkeiten“ – zwei Worte, die zuerst austauschbar scheinen, es aber nicht sind. Eines haben sie allerdings gemeinsam: Beide erzwingen einen höheren Aufwand, mehr Anstrengung die Ausbildung erfolgreich zu machen und zwar für Azubi und Ausbilder.

Wir wollen aus der Sicht des Ausbilders das „Problem“ eines Auszubildenden von der „Schwierigkeit“ unterscheiden, die wir mit ihm haben. Das Problem ist etwas, das unabhängig von unserem Zutun und unserer Person anzutreffen ist, das aber in der Ausbildung eine Rolle spielt, weil es besondere Aufmerksamkeit erfordert. Das kann Farbenblindheit sein, Legasthenie oder einfach eine nicht ausreichende Körpergröße, die erfordert, das oberste Regal mit einen Tritthocker zu erreichen. In all diesen Fällen können wir von Problemen reden.

Die Schwierigkeit dagegen hat mit meiner Person zu tun, mit der Person des Ausbilders. Damit ist nicht gesagt, dass der Ausbilder die Schwierigkeit verursacht, er kann sie aber wohl hervorrufen oder verstärken. Wenn Marc in der Werkstatt bei der Arbeit laut und lustig ist, muss das niemanden stören, außer vielleicht mich, der lieber still und ruhig arbeitet.

An allen Schwierigkeiten des Auszubildenden hat der Ausbilder einen persönlichen Anteil. Mich kann etwas stören und nerven, dann wird der Auszubildenden schwierig für mich. Meine Kollegin hat mit Marcs Verhalten dagegen keine Schwierigkeiten und für Marc ist sowieso alles klar.

So einfach bleibt es leider oft nicht. Wenn der Ausbilder Schwierigkeiten mit einem Auszubildenden hat, spürt der das und reagiert der darauf. Übrigens ist die Frage, wer „angefangen“ hat, also wer Verursacher war und vielleicht sogar „Schuld hat“ an der Schwierigkeit sinnvoll: beide reagieren auf die jeweils andere Person.

Es kann Schwierigkeiten geben, also meine Schwierigkeiten, die den Auszubildenden zu einem Verhalten bringen, dass von außen aussieht wie ein Problem. Lisa hat wenig Motivation, sich mit dem Fachrechnen zu beschäftigen. Vielleicht hat sie sogar eine leichte Rechenschwäche (Dyskalkulie). Dyskalkulie wäre dann ein Problem, weil die Rechenschwäche auch vorliegt, wenn der Ausbilder nicht da ist. Die Rechenschwäche kann natürlich die Motivation für das Fachrechnen noch mehr schwächen und sie kann für Lisa eine prima Entschuldigung sein, sich weniger Mühe zu geben – „alle Lehrer haben gesagt, ich könnte nicht rechnen“.

Andererseits kann ich als strenger Ausbilder Lisa zusammenstauchen, weil sie sich keine Mühe gibt und als Reaktion auf meinen Anpfiff wird sie im Fachrechnen noch schlechter. Damit reagiert sie auf mich. Leider reagiert sie auch so, wie ich es ohnehin schon erwartet habe. Wenn wir Pech haben, wird das zu einem sich selbst im Bewegung haltenden und verstärkenden System: Lisa ist eine schwierige Auszubildende – für mich. Fatal kann der Kreislauf werden, wenn er sich nicht für Lisa und den Ausbilder erkennbar dreht, sondern unbewusst.

Mit Problemen muss man umgehen, Lösungs- und Erleichterungsversuche sind letztlich Aufgaben des Ausbildungsunternehmens. Mit Schwierigkeiten dagegen muss der einzelne Ausbilder umgehen, wenn er sie hat. Das sind zwei unterschiedliche Ansatzpunkte.

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