Mein Edutainment in Seminaren

In vielen Seminaren der Erwachsenenbildung verhalten sich die Teilnehmerinnen und – teilnehmer so, wie sie es in der Schule gelernt haben. Die Erfahrungen der Schulzeit haben einen hohen Anknüpfungswert, weil sie sofort und ohne spürbaren Anpassungsaufwand auf die aktuellen Situationen des Lehrens und Lernens übertragbar sind. Meistens ist die Situation sofort als Lernen und Schule erkennbar, weil die Räume so eingerichtet sind und die Räume sich in einem entsprechend angelegten Gebäude befinden.

Zwei Prinzipien sind hier vorhanden: Erwartung und Ordnung. Als drittes kommt eine Autoritätsperson hinzu, die das ordentliche Messinstrument des Wohlverhaltens anwendet und die Belohnungen verteilen kann, die dem erwarteten und erkennbaren Grad der Anpassung entsprechen: Erwerb von Wissen und Können, sowie Anpassung an eine Ordnung, die sich als Funktionsmechanismus für einen reibungslosen Ablauf des gemeinschaftlichen Lernprozesses ausgibt.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Erwachsenenbildung erleben sich – mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger gewollt oder in Kauf genommen – oftmals in einem Gefälle. Gefälle des Wissens, des Könnens, der Vertrautheit (mit dem Thema), der Perspektive (der Verwendung neu Erlernten) und nicht zuletzt in einem Gefälle der Macht. Das bloße Erlebnis des Gefälles kann Unsicherheit produzieren, die Entscheidung für ein bestimmtes Gefälle, genauer für die eigene Position in einem bestimmten Gefälle, kann wieder zur Sicherheit führen. Die eigene Position im Machtgefälle zu verankern, hat die stärkste Wirkung von allen Wahlmöglichkeiten.

Das Machtgefälle ist zuerst einmal ein unwidersprochenes, eine Diskrepanz, die aus der Zone menschlichen Handelns ins Naturgeschichtliche und Physikalische verschoben wird, um die Unangreifbarkeit zu untermauern: ein Wasserfall als physikalisches Ereignis wird auch nicht nach seiner Legitimation gefragt.

Das Machegefälle kommt zustande, weil Erwachsenenbildung konstituiert wird aus dem Erfahrungs- und Kompetenzgefälle zwischen den Dozenten auf der einen, und den Teilnehmenden auf der anderen Seite. Während die Teilnehmer während der Schulung tendenziell mit der Möglichkeit konfrontiert werden, das Ziel nicht zu erreichen, weil sie zu dumm, zu faul, zu ungeschickt oder was auch immer sind, das sie disqualifiziert, ist die bloße Existenz des Kursleiters der Erweis, dass er die Materie beherrscht, ohne dafür aktuell einen persönlichen Beweis antreten zu müssen. Aus dem Erfahrungs- und Kompetenzgefälle wird ein Gefälle in Machtansprüchen, die zugleich eine Rollenverteilung bewerkstelligen.

Aus den Wirkmächtigkeit kindlichen und jugendlichen Schulerfahrungen erscheint auch in der Erwachsenenbildung dieses Machtgefälle gerechtfertigt und praktikabel zu sein.

Allein schon diese Vorgeschichten machen plausibel, dass Veranstaltungen der Erwachsenenbildung keine Umfüllstationen sein können, in denen das Wissen und Können des Dozenten in die Köpfe der Teilnehmer gekippt werden sollen. Selbst wenn die Organisation das wollte und die Teilnehmer es gern auch so hätten, können doch die Köpfe auf eine unheimliche Weise ein Eigenleben entfalten und gern etwas anderes haben wollen als das Curriculum es gerade jetzt anbietet.

Während die Ordnung und Anordnung der Schule, die Institution als Rahmenbedingung also, kaum eine Änderung zulässt, kann es nur die Person des Dozenten sein, die das Gemenge von Ansprüchen relativiert und dabei auch noch den eigenwilligen Kopf bedient.

Wenn es die Person des Dozenten ist, die die Loslösung von den vorgängigen Funktionen, Erfahrungen, Sicherheitsansprüchen bewerkstelligen soll, dann kann sie nur auf der gleichen Ebene bei den Teilnehmenden einen Ansprechpartner finden. Dann haben es zwei Personen miteinander zu tun. Damit können wir Erwachsenenbildung in erster Linie als Beziehungsarbeit beschreiben. Die Person ist also die erste Bedingung, an die das Veranstaltungsgeschehen adressiert werden muss und damit es nicht wieder eine formale Funktion angesprochen wird, ist es die Person in ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit und mit den Erfahrungen, die sie ausmachen.

Anders kann man z.B. kein Kommunikationsseminar gestalten als die teilnehmenden Personen anzusprechen und bewusst eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Damit sind wir mitten im Kern des Edutainments.

Wenn die Beziehungsarbeit der erste und grundlegende Aspekt des Edutainments ist, ist eine entspannte Arbeitsatmosphäre herzustellen der nächste Aspekt und  die erste Aufgabe. Entspannte Atmosphäre, das sind keine Witze auf wessen Kosten auch immer und keine überdehnten Kaffeepausen, sondern verbale und nonverbale Botschaften an jeden einzelnen Teilnehmenden. Entspannte Atmosphäre ist die Botschaft der Sicherheit, also der Abwesenheit einer Gefährdung und das Angebot der Öffnung. Damit kann es – als dritten Aspekt – den Teilnehmenden möglich werden, sich offen zu den eigenen Lernzielen zu bekennen und sie vielleicht überhaupt erst zu entwickeln.

Der vierte Aspekt ist die Aufgabe des Edutainers, die Motivation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu unterstützen, ihre Ziel zu erreichen. Als zentrale Methode sind Geschichten höchst nützlich, weil sie durch Spiele und spielerische Erfahrungen ergänzt werden können. Spiele in welcher Form auch immer, stellen damit den fünften Aspekt des Edutainments dar.

Zum Schluss noch eine Überlegung zum Medium, das die fünf genannten Aspekte des Edutainments ermöglicht – es ist die Kommunikation der Beteiligten. Die wiederum wirkt auf zwei Ebenen. Grundlegend und entscheidend ist die Körpersprache, deren bewusster Einsatz für den Edutainer selbstverständlich ist und dem Grundsatz folgt, den Teilnehmenden gegenüber zugewandt zu sein. Das gesprochene Wort orientiert sich am gesprochenen Wort der Teilnehmer und lautet: „ich spreche ihre Sprache“.

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