Edutainment und PowerPoint-Karaoke

Die Regeln des Powerpoint-Karaokes sind einfach erklärt: man fische eine Powerpoint-Präsentation aus dem Internet, drücke einem Menschen ein Mikrophon in die Hand, stelle ihn vor die laufende Präsentation und bitte ihn, eben dieselbe dem feixenden Publikum zu erklären. Natürlich ohne je zuvor auch nur eine Folie gesehen zu haben und ohne eine Möglichkeit Folienzahl oder Durchlaufgeschwindigkeit zu beeinflussen.

Für die Auswahl der Präsentation gilt die Regel, je weiter sie inhaltlich vom Erklärenden entfernt und je blöder, desto besser ist sie geeignet. Alle weiteren Regeln sind Zutat, wie z.B. die, aus einer Abfolge von mehreren Präsentationen mit Erklärungsversuchen einen sportlichen Wettkampf zu gestalten.

Das Ziel der Übung ist den schönen menschlichen Hang zur Schadenfreude zu unterstützen: zuschauen und sich amüsieren, wie sich dort vorn jemand produziert – mehr oder weniger gut, meistens weniger, was die Freude der Zuschauermeute freilich befeuert.

Ich liebe Powerpoint-Karaoke – oder PPK, um das Wortungetüm etwas handlicher zu machen. Nein, nicht als Zuschauer, sondern als Aktiver mit dem Mikrophon in der Hand. Nicht selten stehe ich als einziger mit dieser Haltung mutterseelenallein vor der Leinwand mit der schrillsten aller auffindbaren Präsentationen.

Wahrscheinlich gilt auch für PPK die alte Regel des Vortrags: von zehn Menschen, denen ein öffentlicher Vortrag zugemutet wird, sind neun lieber tot als vor anderen Menschen zu reden. Die meisten unserer neun Todeskandidaten sterben bei laufender Präsentation. Den teilweisen oder völligen Zusammenbruch einer Person vor hämischen Zuschauern mitzuerleben, ist besonders unangenehm, wenn man die oder der nächste in der Reihe ist.

Oft kann man dem PPK nämlich nicht entgehen, etwa wenn sie im geselligen Teil eines Kongresses oder einen Tagung geplant ist: „Nicht wahr, Herr Moethe, sie machen doch auch bestimmt eine…?“, worauf sofort der Ausruf erfolgt: „Herr Moethe hat sich gerade bereit erklärt…“ Das bezeichnet man dann als Gruppendruck.

Mein erster Kontakt mit dem PPK liegt schon viele Jahre zurück. Es war die Tagung einer einflussreichen deutschen Stiftung, für den Abend war neben der Geselligkeit mit dem obligatorischen Buffet auch ein PPK geplant. Da ich die mir mittags unterstellte Zustimmung mitzumachen nicht zu widerrufen gewagt hatte, war ich abends dran: der vierte in der Reihe. Vor mir kämpften sich drei Kolleginnen und Kollegen durch die bunten Bilder: „Auf dieser Folie sehen sie…“ Es war wie ein umgekehrter Sehtest, bei dem der Optiker erklärt, was man sieht.

Später erzählten mir die Vorredner von ihrem Unbehagen und den stundenlangen Bauchschmerzen, vorn stehen zu müssen. Man hatte ihnen nämlich am Mittag erklärt, was am Abend auf sie zukommen würde. Zur gleichen Zeit hatte auch mir die Stunde geschlagen, doch ich hatte meine Zeit besser genutzt. Es war mir nämlich durch den Sinn gegangen, dass wenn man die Präsentation nicht kennt und vom Thema keine Ahnung hat, sich zwei Konsequenzen aufdrängen: erstens ist es völlig gleichgültig, was man sagt und zweitens, wenn es auf etwas ankommen, dann wie man es sagt. Damit stand mein Plan und ich konnte mich vorbereiten – eine Geschichte für die noch unbekannte Präsentation.

Ganz zwanglos fiel mir die Schwimmwestenunterweisung im Flugzeug ein. Sie kennen doch bestimmt die Vorstellung der netten Flugbegleiterinnen, wenn sie freundlich lächelnd mit wie Spielzeug aussehendem Material Überleben im abstürzenden Flugzeug simulieren. Besonders gefällt mir in diesem Zusammenhang der Ausdruck für die Gepäckablage – „Overhead compartment“. Den Begriff wollte ich unterbringen und die Vorstellung des abschmierenden Flugzeugs mit mir als Überlebendem empfahl sich als selbstvertrauensstärkende Metapher für meinen Vortrag.

Es lief alles so wie ich es erwartet hatte und es war doch ganz anders. Meine Präsentation war irgendetwas mit Währungen und Wechselkursen, vermutlich aus der Zeit vor der Euro-Einführung. Wenn geflogen wurde, bekam ich es nicht mit. Meine Aufgabe war nicht zu fliegen, sondern gut zu überleben. Also begann ich Geschichten zu erzählen – natürlich keine zusammenhängenden, aber ich nahm die Anregungen der Folien auf. Zumindest einige. Ein paar Erinnerungsfetzen sind auch heute noch da: die mehrfach auftauchende Abkürzung „BBL“ wurden zu „billigen belgischen Lumpen“, wobei in der Schwebe blieb, ob ich hier auf Textilien anspielte oder Charaktereigenschaften. Irgendwo tauchte ein Dollarschein auf, was mich die Illuminaten willkommen heißen ließ. Natürlich waren die Templer nicht mehr fern und so kam ich irgendwie zu einem guten und beklatschten Ende. Das „Overhead compartment“ blieb unerwähnt. Die Präsentation handelte schließlich von keinem Flugzeug und schon gar nicht von einem abstürzenden.

Was hat das kleine Kunststück vor laufender Präsentation mit dem Edutainment zu tun? Nichts und zugleich alles – hier schließt sich der Kreis. Mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einer pädagogischen Situation zu arbeiten, ohne das Thema zu kennen, geht nicht. Egal wie viel Sie trinken oder kiffen, auch die bunteste Phantasie bringt die Entwicklung von Kompetenzen oder wie immer Sie die Ziele verankern, nicht um einen konkreten Inhalt. Hier ist Edutainment nicht möglich. Im sich schließenden Kreis ist nun wieder der Beginn direkter Nachbar und da bin ich mit meiner PPK-Erfahrung am Anfang des Edutainments, bei den Grundlagen. Die verordnen nämlich, eine Geschichte zu erzählen. Eine oder mehrere Geschichten, aber Geschichten. In den Geschichten sind die Botschaften, die Nachrichten, die Kernaussagen verpackt. Nur um derentwillen gibt es überhaupt Edutainment. Und deswegen ist PowerPont-Karaoke ein gutes Training für alle Edutainer.

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