Mein Weg zum Edutainment: Die Universität

So schnell aber ließ ich nicht locker bei der Schule, vielleicht war da ja doch noch etwas mehr an Spaß und Anarchie zu finden als ich auf den gewöhnlichen Anstalten erleben durfte. Mein eigener Sonderweg hieß Abendgymnasium. Unterm Strich ging es dort wirklich lebhafter zu als in allen Schulen vorher, aber eigentlich nur, wenn wir die Pausen, die Zeit in der Cafeteria und das Bier danach zur Schule hinzu zählen. Der Unterricht selbst war knochentrocken, wie gewohnt – nur anders. Viele der jungen Lehrer waren zukünftige Altachtundsechziger und verhielten sich schon damals so. Die ganzen ideologischen Wolkenschiebereien gaben keinen Tropfen Spaß her, dazu war die Kritik an den herrschenden Verhältnissen viel zu ernst. Die Deutschstunden wurden zur Arena einer Art von Pseudospaß, wenn das „politische“ Cabaret dran war. Eine Pappkulisse wurde für die Wirklichkeit ausgegeben und mit einer vorhersehbaren Pointe entlarvt und erledigt. Zaghafte und der Natur der Sache nach nicht ernst gemeinte Hinweise, ein wenig mehr Anarchie und Spaß im Unterricht zu versuchen, wurden als kleinbürgerliches Vergnügungsbestreben auf ihren Platz (dem Müllhaufen der Geschichte) verwiesen.

Von der Uni würde ich schweigen, wäre da nicht die Geschichte mit dem Skythendolch gewesen. Der Tatort war Geschichtsdidaktik – ein Thema ungefähr so spannend wie eine große graue Betonwand, außer natürlich für Geschichtsdidaktiker. Der unsrige kam von einer anderen Uni, war nur zwei Tage in der Woche da und zog seine Verpflichtungen an diesen beiden Tagen durch. Was zur Folge hatte, dass seine Vorlesung zur „Einführung in die Geschichtsdidaktik“ vier Unterrichtseinheiten lang war, also drei Zeitstunden. Wie bereitet man sich vor, wenn man davon ausgehen muss, in den nächsten drei Stunden auf eine graue Wand zu starren?

Dann aber kam die Überraschung. Der Prof verschanzte sich nicht hinter dem Podium, sondern stellte sich an einen Tisch und packte aus einer großen Tasche allerlei Schachteln und Pakete aus, denen er wieder in Stoff geschlagene Gegenstände entnahm. Halb auf dem Tisch sitzend, halb dran lehnend, hielt er uns nach einigem Suchen einen Gegenstand entgegen, den ich aus meiner fünften Reihe für eine rostige und ziemlich kaputte Sichel hielt. Nach einem Halbsatz der Begrüßung ging es los: „Würde ich von Ihnen nun erwarten zu wissen, was ich hier in Händen halte, würde ich ihr Interesse an ihrer Lebenswirklichkeit beleidigen und zugleich die Sonderlinge auszeichnen, die es unter ihnen zweifellos gibt.“ Er ließ uns etwas Zeit, den Satz zu entwirren, der mehr Verständnislosigkeit als kichernde Zustimmung auslöste. Wir wurden auch schnell aufgeklärt: „Ich habe Ihnen einen Skythendolch mitgebracht und wenn sie sich nun fragen, ob der überhaupt etwas mit unserem Thema Geschichtsdidaktik zu tun hat, sind sie in einer ähnlichen Sackgasse wie der Skythe in seinem Grab, in dem auch der Dolch gefunden wurde. Die Frage ist also nicht ob, sondern was.“ Damit sollen die Zitate ein Ende haben, nicht weil ich befürchte, sie gerieten mir ungenau – dieses Risiko würde ich eingehen -, sondern weil ich dem Prof Unrecht tun würde, denn man musste ihn man erleben.

Wir erfuhren, wie der Dolch ins Grab gekommen war, zu wem er gelegt wurde und auf welche Weise, wie er wieder aus dem Grab heraus kam und wie es damit weiter ging. Das alles erfuhren wir in Geschichten, in witzigen Frage- und Antwort-Spielen und in den vielen Bildern, die der Prof. für uns skizzierte: genau genug, um Vorstellungen zu wecken und ausreichend vage, um unserer Einbildungskraft Platz zu geben. Er machte dabei eigentlich nicht viel mehr als sich vorn an seinen Tisch zu lehnen oder auch mal mit dem Ellenbogen auf das Podium aufzustützen und zu erzählen – ohne Skript und ohne Literaturverzeichnis. Trotzdem war der ganze Lehrsaal hingerissen – in der kurzen Pause war der Dolch Thema und wären wir im Theater gewesen, wir hätten am Ende dem Prof. stehende Ovation gezollt.

Ohne auch nur entfernt je etwas davon gehört zu haben, geschweige denn das Wort dafür zu kennen, war ich Zeuge von Edutainment geworden. Hier war alles, was ich in der Schule und an der Uni bisher vermisste: ein trockenes Thema mit Spaß, Witz und Respekt vor den Zuhörern wurde zu einem aufregenden Lernerlebnis.

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