Im Seminar entscheidet der erste Eindruck

„Ich kam zu spät! Zwanzig Minuten zu spät! Und das als Trainer! Alle saßen schon da und warteten! Eine Katastrophe!“

Junge Trainerkolleginnen und – kollegen lächle ich bei der Schilderung ihrer Katastrophe weise an, um dann kühl und doch verständnisvoll einzuwerfen, irgendwann passiere das jedem. Mir, zum Glück, aber sei es aber noch…. Halt!

Mir ist es passiert – neulich erst. Ich erlebte mein Armageddon als Trainer. Alle schauten mich an, wie ich herein gehetzt kam und mit fliegenden Händen versuchte die Präsentation in Gang zu bringen. Mir ist genau das passiert - mir, der ich als Trainer ein so ungeheures Gewicht auf den ersten Moment der Begegnung mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmer lege.

Dabei bin ist immer der erste im Seminarraum. Danach richte ich meine ganze Seminarvorbereitung aus und tyrannisiere nebenbei gesagt damit die Hausmeister. Ich will nicht nur der erste im Raum sein, ich möchte auch ganz schnell meine Sachen aufgebaut und eingerichtet haben. Alles soll fertig sein, sobald die erste Seminarteilnehmerin oder der erste Teilnehmer auftaucht.

 

Drei Gründe, erster zu sein

Auf der persönlichen Ebene hat diese Eigenwilligkeit seinen Grund darin, dass bei vollem Saal auf dem Boden herumzukriechen und Stecker in Bodentanks zu versenken, einfach ein schlechter Start für eine gute Zusammenarbeit ist. Zudem bin ich nicht besonders geschickt mit Bodentanks – das macht es nicht einfacher. Von dem Problem, dass die im Vorgespräch vielgepriesene Beameranlage oft doch nicht so einfach funktioniert, wie es versprochen wurde, wollen wir erst gar nicht reden

Auf der technischen Ebene möchte ich keine Gefahr laufen, den sitzenden Teilnehmer, die jede meiner Bewegungen beobachten, unwillentlich Plakate oder Pinnwände zu zeigen, die sie erst später sehen sollen. Ich will zwar das Kaninchen aus dem Hut zaubern, aber niemand soll sehen, wie es herein kam.

Auf der Beziehungsebene möchte ich durch meine abgeschlossenen Vorbereitungen den Teilnehmern signalisieren: „Ich bin für Sie da, Sie sind mein Gast – herzlich willkommen.“ Mit einem nassen Schwamm in der Hand und einer halbgeputzten Tafel kommt diese Botschaft nur undeutlich an.

Also bin ich vorher fertig mit meinen Vorbereitungen und kann auf meine Gäste warten. Diese Minuten – voller Hochstimmung und Spannung – genieße ich besonders. Ich stelle mir die Teilnehmer vor, laufe im Geiste noch einmal durch ein geplantes Rollenspiel, rücke ein Blatt Papier zurecht oder tausche eine Pinnnadel aus, damit sie farblich harmonieren. Mehr geschieht nicht.

 

Begrüßung der Gäste

Endlich begebe ich mich zu meiner Begrüßungsstellung – gegenüber der offenen Eingangstür, leicht versetzt in den Raum hinein, so dass man mich erst sieht, wenn man auf der Schwelle des Raumes steht, dann also erst wenn man wirklich den Raum betreten will. Damit ist ausgeschlossen, mich aus Zufall oder im Vorbeigehen zu sehen. Wer mich sieht, will in den Raum, wer in den Raum kommt, will etwas mit mir zu tun haben. Kommen sie herein, legen sich die Gäste fest. Sie können gar nicht anders, als diese Situation ernst zu nehmen.

Meine Position in der Distanz hat für uns beide beträchtliche Vorteile: wenn ich an der anderen Seite des Raumes stehen, und Sie in der Tür, begegnen wir uns im öffentlichen Raum, wir sind nicht zu Aktionen mit weitreichenden Folgen für unsere Beziehung gezwungen – wir können uns erst annähern.

Sie können im Hereinkommen entscheiden, wie und wie intensiv Sie mit mir Kontakt aufnehmen wollen. Die Distanz ist groß genug, dass Sie ausreichend Zeit haben, eine Entscheidung zu treffen und sie sogar wieder zurück zu nehmen und sich für ein anderes Verhalten zu entscheiden. Natürlich habe ich die gleichen Möglichkeiten – und ich kann Ihnen versichern: ich nutze sie!

 

Der Trainer als Hausherr

Jeder hereinkommende Gast ist zuerst einmal unsicher in der Situation, weil er in der Situation neu ist. Ich hingegen bin mit und in der Situation vertraut und sicher, ich bin quasi im Seminarraum eingesessen. Ich habe den Platzvorteil. Den habe ich allein dadurch, früher hier zu sein als der erste Gast, egal wie viel früher ich da war, auch eine Sekunde reicht. Deswegen habe ich die „älteren Rechte“; ich bin hier der Hausherr.

Territorialverhalten ist dafür die Erklärung; ich mache mir eine einfache Grundbeschaffenheit menschlichen Verhaltens zu Nutze, denn ich unternehme nichts, den Eindruck abzumildern, hier der Hausherr zu sein.

Bei einer Veranstaltung erlebte ich neulich, wie zu uns drei ersten - es waren bereits zwei Teilnehmerinnen anwesend – der Hausmeister hinzukam: „Sie haben ja noch nicht angefangen. Ich entlüfte mal schnell die Heizungen. - Seien Sie vorsichtig mit Ihrer Tasche. Es kann etwas spritzen.“ Raten Sie einmal, wer in dieser Situation der Hausherr war? Ich war es auf jeden Fall nicht mehr und auch mach dem Verschwinden des Meisters der Lüfte dauerte es noch einige Minuten, bis meine Rolle wieder völlig eindeutig war.

Als Hausherr bin ich natürlich Gastgeber und begrüße meine Gäste – übrigens nachdem ich mich vergewissert habe, ob sie beim Eintritt grüßen oder nicht. Halten Sie mich nun bitte nicht für einen pedantischen Grußfanatiker, aber ob jemand beim Eintreten grüßt oder nicht (siehe Territorialverhalten), ist eine wichtige Information über den Menschen, der da hereinkommt.

Ich bin ein freundlicher Gastgeber und komme meinen Gästen mit Augenkontakt und einem Lächeln entgegen, um sie zu begrüßen und auch um sie besser wahrnehmen und beobachten zu können.

 

Ein Handschlag zur Begrüßung

Dieses Mal hatte ich Glück und konnte mir schnell und einfach ein ziemlich komplettes Bild machen. Bei der neuen Teilnehmerin war ich wichtiger als der Raum und die anderen Gäste. Sie hielt den Augenkontakt mit mir und kam mir (einen Schritt – das reicht schon) entgegen, als ich auf sie zuging – ein optimistisch stimmender Anfang. Ich erwiderte ihren Gruß – seitdem sie den Raum betreten hat ist vielleicht eine Sekunde vergangen – ausreichend Zeit, angemessen schnell und damit freundlich zu reagieren. Dabei streckte ich ungefähr auf Hüfthöhe beide Hände in einer einladenden Geste aus. Die Geste kann eine Einladung bleiben, aber auch mehr werden. Wenn die Teilnehmerin auf mein Lächeln reagiert und zurücklächelt, strecke ich ihr die rechte Grußhand noch etwas weiter entgegen, schicke mich also an, aus der einladenden Geste einen Begrüßungshandschlag zu machen. Ich mache ihr ein Angebot, die Begrüßung zu intensivieren. Dafür sind die einladenden Hände in Hüfthöhe eine gute Ausgangsposition.

Wenn der Gast nämlich weniger lächelt als ich und auf meine Intensivierung des Lächelns nicht ebenso reagiert, also keinen Handschlag will, kann es bei der einladenden Geste bleiben, von der sich der Gast angesprochen fühlen kann oder auch nicht. Dann gibt es keinen verweigerten Handschlag. Es wäre fatal für mich und den Gast, einen Handschlag anzubieten, der nicht freiwillig angenommen oder gar verweigert wird. Für uns beide wäre ein negatives Gefühl die Folge und die Beziehung wäre von Anfang an belastet.

In dieser Situation mit der neuen Teilnehmerin war das zum Glück gar nicht die Frage, wir schüttelten einander die Hände, lächeln uns an und ich nannte meinen Namen.

 

Die kontaktfreudige Lisa Müller

Ich kann mir jetzt Ihren Einwand denken, und er stimmt auch. Mein Name hat für den Gast keinen Neuigkeitswert mehr. Ich bin der angekündigte Trainer, und mein Name steht groß und deutlich lesbar auf dem Begrüßungsplakat oder auf der Folie. Aber trotzdem.

Dem Gast meinen Namen zu nennen, ist Teil des Beziehungsaufbaus – also auch der Rollenklärung. Und der Name ist natürlich Teil des Kennenlernens: „Ich bin Heinrich Moethe“ – „Lisa Müller“. Jetzt war Lisa Müller kein bloßer Name mehr auf der Liste. Ihr Name wird leichter erinnerlich bleiben, weil ich sie schon einmal in der Hand hatte.

Freilich, der Handschlag ist eine Begrüßung unter Gleichen, auf Augenhöhe. Man kann diese Gleichheit auch noch tiefer verstehen. Bei Handschlag haben die Grußpartner einander in der Hand – buchstäblich betrachtet.

In unserer kleinen Anfangsszene ging es aber noch weiter. Mit meinem Gruß hatte ich eine Ansage gemacht: so jetzt wird gegrüßt. Wenn Sie so wollen, habe ich einen Befehl gegeben. Folgt der Gast meiner Ansage, sind jetzt die Rollen zwischen uns (weitgehend und meistens) geklärt. Es gibt allerdings auch Situationen und Menschen, da findet keine Klärung statt oder aber eine mit einem anderen Ergebnis. Doch dazu ein anderes Mal.

Nach dem Handschlag war für Lisa Müller und für mich, also für unsere Beziehung, eine Menge passiert. Im Handschlag hatte ich ihre Spannung gespürt und sie die meinige.

Oft erlebe ich an dieser Stelle, dass Seminarteilnehmer sich meiner Führung anvertrauen und mich als Beratungs- und Entscheidungsinstanz für ihre Platzwahl betrachtet. Sie schauen sich um: „Darf man sich setzen, wohin man will?“ Eine einladende Geste in die Runde ist meistens die Folge.

 

Im Stuhlkreis

Wie schnell ein Gast dann seinen Platz einnimmt, ist für mich ein weiterer wichtiger Indikator. Ich habe daraus die einfach Formel abgeleitet: je schneller jemand im Seminar einen und damit seinen Platz aufsucht, desto stärker ist sie oder er an Sicherheit interessiert. Es gibt natürlich die unterschiedlichsten Verhaltensweisen: manche setzen sich und beginnen sich dann für die Veranstaltung zu ordnen. Ein Blick aufs Handy, Block und Stift werde aus der Tasche gezogen. Wir treffen all diese Handlungen, die zu beobachten sind, wenn sich jemand häuslich in der Öffentlichkeit einrichtet. Andere stellen ihre Tasche ab, legen die Jacke auf die Lehne und gehen erst einmal zur Toilette. Alle aber rücken den Stuhl auf die Distanz, wenn sie das Gefühl haben, sie sind zu nahe dran am Nachbarn oder der Nachbarin.

Jetzt hört es sich vielleicht an, als begännen meine Seminare stets im Beziehungssonnenschein und alle Gäste seien vom ersten Moment an nett zueinander. Das ist nicht der Fall und natürlich besuchen meine Veranstaltungen auch Menschen, die keine ausführliche Begrüßung oder keinen besonderen Kontakt wollen und erst recht keinen Handschlag.

 

Der spröde Herr Meier

Wieder haben wir die gleiche Situation. Ich warte darauf, beim Eintreten des Gastes - er wird sich als Herr Meier herausstellen - den Gruß zu hören und dann auf ihn zuzugehen. Der Gruß kommt, natürlich mit einem Augenkontakt, auch wenn der nur flüchtig ist, dann nimmt Herr Meier den Stuhlkreis in Augenschein, mustert ihn und beschäftigt sich augenscheinlich mit der Frage nach dem richtigen Platz. Ich komme langsam näher, um aktiv zu werden, wenn Herr Meier mich beachtet. Das tut er aber erst, nachdem er auf einen Stuhl Platz genommen hatte, sich einmal anlehnte und sich dann lächelnd mir zuwandte. Damit ist der Handschlag schon nicht mehr möglich, weil der auf Augenhöhe stattfindet. Mein Resümee ist die Erwartung, dass die Beziehung zum Herrn Meier wahrscheinlich distanzierter sein wird als zur Frau Müller. Damit ist allerdings nicht gesagt, dass es keine authentische Beziehung ist. Mit diesen Beziehungen kann ich gut leben. Schwierig wird es für mich erst, wenn ich meinen Namen nenne, darauf aber keine Gegennennung kommt.

 

Smalltalk und pünktlicher Beginn

So begrüße ich nach und nach meine Gäste, der Kreis füllt sich, alle Tische im U werden besetzt. Zwischen den Phasen des Eintreffens der einzelnen Gäste bin ich natürlich nicht stumm.

Ich mache mit den Anwesenden Smalltalk, den richtigen, guten und klassischen Smalltalk, rede über das Wetter, wenn es schneit und über die Verkehrssituation, wenn jemand einen Stau auf der Anreise erwähnt. Mehr als Smalltalk wird es nicht, fachliche Themen werden jetzt nicht angesprochen. Selbst Fragen zur Organisation versuche ich aus dem Weg zu gehen.

Wieder verfolge ich mit meinem Verhalten zweieinhalb Ziele: Im Smalltalk lerne ich die Gäste besser kennen, wobei ich zugleich meine Rolle festige und mit dem Geplauder trage ich zu ihrer Entspannung bei. Jeder kann, keiner muss, niemand wird gefordert und zum Wetter hat jeder seine eigenen und unbestreitbaren Erfahrungen. Das halbe Ziel, das ich aber oft nicht erreiche, ist meine Gäste miteinander ins Gespräch zu bringen.

Jetzt ist es 08:58 und um neun Uhr beginnt die Veranstaltung. Alle Gäste sind da. Langsam ziehe ich mich aus dem Smalltalk zurück, was die Gäste natürlich registrieren und worauf sie mit zunehmendem Schweigen reagieren. Ich beobachte meine Uhr, die seitwärts auf dem Pult steht – nicht die am Handgelenk, denn das wäre eine deutliche Geste der Ungeduld oder der Langeweile. Um 09:00 schließe ich die Tür und signalisiere damit, meinen Auftrag in allen Details ernst zu nehmen. Es gibt bei mir nie ein Warten auf die letzten Nachzügler – wir fangen immer pünktlich an. „Guten Morgen, meine Damen und Herren, ich freue mich, dass Sie da sind.“

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