Shakehands statt Nasenküsse. Warum schütteln wir einander zum Gruß die Hände?

Nasenkuss ist ein lustiges Wort und auch die Bilder vom Nasenkuss sind witzig anzuschauen. Es gibt sogar Bilder von Angela Merkel beim Nasenkuss, auf denen sie aber nicht ganz so entspannt wirkt, wie es das lustige Wort vom Nasenkuss empfiehlt.

Die alten Männer des Ostblocks dagegen begrüßten sich weniger grazil. Ihre Umarmungen hatten etwas vom Ringen im Freistil und der sich anschließende Kuss wirkt, als wurde ihnen ein sofortiges öffentliches Statement zum schwulen Coming –Out verordnet und sie hatten keine Zeit mehr gehabt, hinterm Vorhang zu üben.

Heute ist alles viel trivialer: wir schütteln einander die Hände, wenn wir uns begrüßen. Im beruflichen Zusammenhang jedenfalls. In der Freizeit und auf der Straße mag das anders zugehen: von „Hi“ bis zu „Bussi-Bussi“-Grüßen ist alles hör- und erlebbar. Der Handschlag oder das Händeschütteln, das sind die alten Bezeichnung für Shakehands, halten sich wacker und das ist Grund genug, nach ihrer Bedeutung zu fragen und nebenher zu erkunden, wie der Handschlag richtig gut gelingt.

Er gelingt jedenfalls nicht, wenn wir hinschauen und darauf achten, ob er gelingt. Wenn das beobachtende Auge die Hand führen muss, wird es nichts mit dem richtigen Handschlag. Wenn es „richtig“ zugeht, finden sich die Hände ohne unser kritisches Zusehen. Zum Blick als wichtigem Signal kommen wir noch.

Ein Handschlag bedeutet Nähe; wir sind nur so ungefähr zwei Unterarm- und Handlängen voneinander entfernt und das ist schon ziemlich dicht dran an der anderen Person. So nahe, dass wir sein Gesicht sehen, natürlich hauptsächlich einander in die Augen schauen. Die Nähe verhindert, an der Person mehr mustern zu können, weil dafür der Blick gesenkt werden müsste. Der nach unten gesenkte Blick heißt nämlich auch den Augenkontakt zu verlassen – was wir schon aus Gründen des Selbstschutzes nicht wollen. Die Nähe erzwingt den Augenkontakt. Einander in die Augen zu schauen, heißt etwas genau zu sehen und zu erkennen. In der Verbindung mit der umklammerten Hand bedeutet der Blick natürlich auch, zu kontrollieren, was man sieht und was man zeigen will. Sie ist eine kitzlige Geschichte, diese Nähe.

Beim Handschlag befinden uns in einer spiegelbildlichen, symmetrischen und synchronen Situation und das legt den Gedanken nahe, wir könnten es hier mit einem Beispiel aus dem großen Feld der Gesten zu tun haben, die Gleichheit ausdrücken und beteuern sollen. Der Handschlag signalisiert Gleichheit in mehreren Dimensionen: die Grußpartner drücken idealerweise mit der gleichen Kraft zu; sie haben ungefähr das gleiche Tempo – sie passen sich dem Tempo des Partners an und sie bewegen sich in der gleichen Distanz. Die beiden ineinander verschränkten Hände befinden sich beim als richtig empfundenen Gruß ungefähr in der geometrischen Mitte zwischen den Grüßenden. Sind sie dort nicht, entweder weil sie sich zu hoch und fast im Gesichtsfeld tummeln oder in der Nähe der Gürtellinie herum lungern, wird der Gruß wahrscheinlich nicht als partnerschaftlicher Gruß akzeptiert. Die einzige Ausnahme dafür ist, wenn die Ungleichheit zwischen den Grüßenden offensichtlich und von vorn herein so unüberbrückbar groß ist, dass jeder Versuch sie auszugleichen von Anfang an als nicht ernst zu nehmen betrachtet werden muss.

Gleichheit in einer Geste auszudrücken, beteuert gleichzeitig auch die tatsächlich vorhandenen Unterschiede ignorieren zu wollen und zu können: wir sind einander gleich. Die Unterschiede nämlich gibt unübersehbar: die Partner sind unterschiedlich groß, unterschiedlich kräftig und unterschiedlich dynamisch. Die Unterschiede werden zur Ordnung gerufen, in die Ecke verwiesen und nur noch die Gleichheitsbehauptung steht im Raum – zumindest für den Anfang.

Wir schütteln die Hand des anderen mit unserer leeren Hand – die beiden Handinnenflächen berühren sich. Die beiden Handflächen in Berührung zu bringen, macht den Handschlag erst zu einem richtigen. Wenn z.B. die Finger nur wenig die Hand des Grußpartners umschließen oder wenn der symmetrische Handschlag auch sonst nicht gelingt, empfinden wir das als falsch oder ungehörig und sind unter Umständen sogar bereit, uns dafür zu entschuldigen.

Bleiben wir noch einen Moment bei den leeren Handflächen, die sich berühren. Sie gehören zu den Körperstellen, die weniger offen gezeigt oder beobachtet werden können. Die Handflächen sind mehr dem eigenen Körper zugewandt, sie sind weniger für die Öffentlichkeit gedacht. Vielleicht könnten wir hierfür im Handikap-Prinzip eine Erklärung finden. Dem Gedanken gehen wir aber jetzt nicht nach, sondern notieren ihn nur kurz.

Eine andere Erklärung für die Berührung der Handinnenflächen ist das Signal der fehlenden oder unterlassenen Bedrohung: wir haben nichts gegen den Grußpartner in der Hand und zeigen das nicht nur, sondern bekräftigen es auch noch durch die Berührung.

Vor einigen Jahren berichtete die Wissenschaftspresse ein weiteres Merkmal des Handschlags: Menschen röchen nach dessen Vollzug an der Hand, um Informationen über den Grußpartner zu erhalten. Dabei benutzten sie wohl auch einige Camouflage, das allzu Offensichtliche zu verbergen. Eine davon wäre, sich zu einem scheinbar anderen Zweck mit den eigenen Händen im Gesicht zu schaffen zu machen, um in Wirklichkeit die Geruchsinformationen über den gerade entlassenen Grußpartner einzusaugen. Der Gedanke ist witzig und spannend, weil es vor allem um Informationen geht, die für unser Sexualleben eine Rolle spielen und Sex ist immer spannend. Ob es wahr ist? In einem signifikanten Maße haben wir solche Gesten noch nicht beobachten können.

Was aber macht die andere, die unbeschäftigte Hand beim Handschlag? Da warten auf uns noch ein paar Fragen, etwas was es mit dem Nachschütteln auf sich hat, ein zweites oder drittes Mal die Hand zu schütteln als bedienten wir einen Cocktail-Shaker, warum umklammern manche mit der anderen Hand die beiden Hände im Handschlag.? Was soll es bedeuten, wenn Menschen von der Bühne herab Ihre Hände ineinander legen und sie über dem Kopf schütteln. Davon bald mehr. Hand drauf.

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