Infotainment oder der Verrat des Professors

Dieser Text enthüllt keine sensationellen Neuigkeiten; als „Breaking News“ taugt er nichts und sein Unterhaltungswert tendiert gegen Null. Infotainment wird hier nicht geboten; ich versuche es nicht einmal.

Es begann mit der Suche nach verlässlichen Informationen zu Corona. Um die Informationen wissenschaftlicher Institutionen einordnen und nutzen zu können, ist Hintergrundwissen nützlich. Viel muss es nicht sein und es lässt sich leicht erwerben. Zwar kollidieren die Fachleute manchmal mit meiner Lebenserfahrung, doch das lässt sich zurecht rücken. Eine Kollision produzierten die amerikanischen Forscher mit der Empfehlung eines Lockdown - Schulschließungen und anderen Unannehmlichkeiten eingeschlossen - bis weit in das Jahr 2021 und gar hinaus. Immerhin erwarteten sie neben den erfreulichen Folgen auch weniger erfreuliche für die Wirtschaft, Gesellschaft und Psyche. Wissenschaft kann irren, das ist ihr Wesen und ihre Geschichte.

Schlimm werden Meldungen aus der Wissenschaft, wenn sich die Nachrichtenmedien ihrer annehmen, sie in Zeitungen erscheinen und auf Websites gepostet werden. Medien brauchen Material, Material und noch einmal Material. Eingängig muss es sein, muss sich schnell ins Gehirn brennen und Unterhaltungswert haben. Die Meldungen müssen knallen, scheppern und explodieren. Geben sie das nicht direkt her, muss das Knallen, Scheppern und Explodieren in den Konjunktiv und in die Zukunft verlegt werden, dann aber möglichst extreme Folgen haben. Das Unglück von heute wird zur Katastrophe von morgen. Aber schnell bitte, am besten noch schneller, damit die nächste Sensation drankommen kann.

Ein Satz Lothar Wielers machte so die Runde in den Tagesmedien, seine Aussage von Anfang April 2020 nämlich, wir stünden erst am Anfang der Epidemie. Als Satz in die Welt geblasen, kann der Leser vermuten, es käme noch viel schlimmer als es Anfang April schon empfunden wurde. Der isolierte Satz verschwieg den Hintergrund; dass Epidemien nicht kommen und gehen wie der Bus, sondern ihre eigenen Fahrpläne haben.

Selbstverständlich kann alles noch viel schlimmer werden. Damit die Konsumenten eine ordentliche Dosis Adrenalin verpasst bekommen, interviewt man eine zweifelhafte wissenschaftliche B-Prominenz und lässt sie Gruseliges für die Zukunft orakeln – natürlich hübsch im Konjunktiv. Infotainment kennt keinen inhaltlichen Konjunktiv, ein „es könnte“ ist ein „es kann“ und das bereits ein halbes „es wird“.

Meine Heimatzeitung und der Sündenfall

Freilich gibt es Medien, die von sich behaupten, in diesem Spiel nicht mitzuspielen. Meine Heimatzeitung ist so eines, das sich immer viel auf seinen hochwertigen - also verantwortungsbewussten - Journalismus zugutehält. Tapfer müht sie sich und rackert sich ab, diesen Anspruch zu erfüllen, bringt Meldungen und Reportagen von Volksfesten und begleitet empathisch und enttäuschungsbereit den örtlichen Fußballverein, der traditionell nur eine Fußnote der großen Ligen ist. So viel regionalpatriotischer Biedersinn ist fern allen Infotainments. Ein Wort, eine Haltung, ein Laster und eine Sünde, das niemals seinen Fuß auch nur in die Empfangshalle des Redaktionsgebäudes setzen dürfte.

Wäre da nicht… Ja, was eigentlich? Ich nenne es den Sündenfall, allerdings ohne den Anspruch, das erste Mal gefunden zu haben. Aber es muss eine Erklärung dafür geben, wie meine Zeitung dem Sündenfall anheimfallen konnte bei aller journalistischen Redlichkeit.

Am 16.04. suchte ich Informationen über die Folgen dessen, was, die so schmissig Shutdown oder Lockdown genannt wird. Also konsultiere ich Medien, große, kleine, wichtige und zufällig gefundene. Dabei war der Webauftritt meiner Heimatzeitung mit der Schlagzeile: „Corona und die Psyche: Wie Sie Depressionen verhindern“. Soweit war alles gut, ich hatte meinen Treffer und befand mich auf der Ratgeberseite. Doch bei der Unterzeile erstarrte ich und wollte meinen Augen nicht trauen: „Professor der Psychologie verrät, wie Sie aus der Krise das Beste machen“.

Verrat!

Moment einmal – was ist das? Ein Psychologie-Professor, ordentlicher Lehrstuhlinhaber einer ordentlichen Universität, bricht ein Geheimnis und plaudert aus, was er eigentlich gar nicht dürfte? Ich stutzte beim Wort „verrät“. Wenn der Professor etwas „verrät“, nämlich wie sich eine Depression in Corona-Zeiten vermeiden lässt, plaudert er also etwas aus, von dem er weiß, dass er es für sich behalten muss.

Schauen wir genauer: Wir haben es nicht mehr nur mit einem verräterischen Professor zu tun, der uns mitteilt, was nicht für unsere Ohren bestimmt ist, jetzt ist auch eine dritte Person oder Institution im Raum, gegenüber der unser Professor sich verpflichtet hat, den Mund zu halten. Verschwiegenheitsverpflichtungen kommen auch bei Professoren vor. Meistens erfahren wir davon nichts, weil die Professoren eben nichts ausplaudern.

Was aber mag den Professor bewogen haben, das in ihn gesetzte Vertrauen nebst der Verpflichtung zur Verschwiegenheit zu durchbrechen? Und das gegenüber einer Zeitung, deren Aufgabe es ist, diese Informationen zu verbreiten? Zusätzlich müssen wir fragen, warum der Professor überhaupt zur Verschwiegenheit verpflichtet wurde.

Offensichtlich haben wir es nicht mit laufenden Forschungen zu tun, bei denen vorzeitige Informationen störend sein können. Der Professor redet von fertigen und abgeschlossenen Forschungen, von Erkenntnissen, die wissenschaftlich erzielt wurden.

Wer aber hat Interesse daran, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, wie man sich vor Depressionen schützt? Wer möchte nicht und aus welchen Gründen, dass Menschen weniger Depressionen haben; wer also hat ein Interesse an Depressionen? Eine einzelne Person kann es schwerlich sein, mehr eine Institution, also z.B. eine Universität, die dem Professor dieses Verschwiegenheits- und Loyalitätsversprechen abnehmen oder es ihm aufdrängen kann, weil daran vielleicht andere für ihn positive Konsequenzen hängen, wie Geld für Forschungen.

Verrat?

Die Sache wird immer unklarer und bevor auch wir anfangen zu orakeln, schauen wir auf anderes.

Jede Zeitung hat ein Interesse, Dinge ans Licht zu bringen. Können wir hier investigativen Journalismus vermuten? Ist der Professor vielleicht ein Whistleblower? Wieder komme ich mit Spekulationen nicht weiter.

Schauen wir uns also den Leser der Zeitung an – also mich. Ich werde von dem „Verrat“ angesprochen und meine Fantasien beginnen zu wachsen. Natürlich will ich keine Depressionen, das Leben ist schon so hart genug, vielmehr bin ich für Informationen dankbar, die versprechen genau die zu vermeiden helfen. Hier und jetzt bekomme ich zudem noch eine offensichtlich ganz besondere Information.

Sie muss wichtig sein, spektakulär und besonders wertvoll, sonst würde der Professor ihretwegen keinen Verrat begehen. Vielleicht sind die Tempelritter oder Illuminaten hinter der Information her und er hat sich nur durch den Sprung in die Öffentlichkeit retten können? Was ist die Universität überhaupt für eine Bande, dass sie Geheimnisse produziert und keine zugänglichen wissenschaftlichen Erkenntnisse, wofür sie aus meinen Steuern viel Geld erhält?

Diese und weitere Spekulationen – in dieser Form bei mir, Sie mögen andere Verschwörungstheorien bevorzugen – umwehen das Schlüsselwort des Verrats.

Mediendonner

Ziehen wir einen Schlussstrich, weil die Wirklichkeit eine andere ist und die Erklärung einfach: Ein deutscher Professor wurde um ein Interview gebeten und er sagte bei der Gelegenheit, was zu sagen wichtig ist. Er tut also das, was er tun soll nämlich Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Sichtweisen produzieren und verbreiten. Das ist kein „Verrat“, sondern seine Aufgabe.

Warum spricht meine Heimatzeitung dann von Verrat? Sie spielt mit im Spiel des Infotainments, nur es etwas subtiler: es kracht zwar nicht richtig, prickelt aber etwas auf der Zunge. Mediendonner eben und damit Infotainment.

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