Meine Aufgabe heute: Edutainment

Mein Vortrag fiel ins Suppenkoma. Sie kennen das Suppenkoma? Ein heißer Juni-Nachmittag, es ist kurz vor vierzehn Uhr; die kalorienreiche Mittagspause liegt hinter, der ganze Nachmittag mit seinen Themen liegt noch vor uns. Wir sind auf einem Kongress, in einem mittelgroßen Raum, klein genug und so voll, dass der Vortragende zuhause mit Überfüllung prahlen kann. Die Frischluft scheint rationiert zu sein und wird im Laufe des Nachmittags immer knapper.

Ich bespiele den ersten von drei Workshops. Mit meinem „Slot“ um 14:00 Uhr habe ich einfach Pech. Weiteres Pech - mein Thema mobilisiert nur schwer Interesse: „Kompetenzentwicklung älterer Mitarbeiter in Kleinen und Mittleren Unternehmen.“ Doch ja, solche Themen gibt es wirklich, in meinen europäischen Jahren mit dem Berufsbildungsprogramm „Leonardo da Vinci“ hat mir das Schicksal solche und vergleichbare Themen des Öfteren zugewürfelt.

Ein Auftrag, ein Thema, eine Situation im Suppenkoma; drei Faktoren, die zusammen genommen sich auch als Entlastungsprogramm für überfüllte Schlaflabore vermarkten lassen.

Vierzehn Uhr: mein Vortrag beginnt. Verschanzte ich mich jetzt hinter dem Pult, nähme ich den Presenter in die Hand, drehte ich mich halb um, zu kontrollieren, ob die Präsentation auch läuft, dann hätte ich den Startschuss zum Einschlafen gegeben.

Nichts davon geschieht. Mein Programm heißt nun: Edutainment.

Ein kurzer Blick in die Runde verrät die Erwartungen des Publikums: fachlich verbrämte Langeweile im unaufgeregten Problemhorizont. Zum Glück wird zur Beruhigung des einschlafenden Gewissens die Präsentation zum Download von der Website angeboten. Das Publikum erwartet Distanz, der Vortragende auch und wieder einmal kann der heimliche Pakt geschlossen werden, einander in Ruhe zu lassen.

Den Vertrag verweigere ich.

Mein erster Schritt ist um das Podium herum und auf die Zuschauer zu; mein Ziel heißt eine Beziehung aufzubauen: „Meine Damen und Herren. Kommen wir zum Thema – kommen wir zu Ihnen.“ Die Arbeit beginnt bei einzelnen Personen und geht mit Lächeln, Zunicken und einladenden Gesten weit über die erste Reihe hinaus.

Auf einem Kongress in Braunschweig, bei dem ich Teilnehmer und Vortragender zugleich war, fiel mir eine Dame in rotem Jackett auf, die in zwei Workshops die Vortragenden fachlich versiert und persönlich direkt provokant anging. Damit hatte sie die Lacher auf ihrer Seite.

In meinem Workshop saß sie gut erkennbar in Ihrem roten Jackett in einer der hinteren Reihen. Natürlich sprach sie über die fünfzehn ersten Reihen hinweg an: „Ihr Jackett hat eine tolle Farbe und sie sind damit so gut sichtbar. Geben Sie mir ein Signal, wenn der Vortrag zu trocken wird? – Aber bitte nicht dauernd winken.“ Die vorderen Reihen drehten sich neugierig um, was die Dame keineswegs in Verlegenheit brachte, sie lachte mit, winkte mir zu und war von da an meine Verbündete.

Damit hatte ich für alle Teilnehmer mein räumliches Feld markiert, in dem ich aktiv werden könnte: zwischen meiner roten Freundin und dem Rednerpult saßen jetzt nur noch potentielle Gesprächspartner. Das weckte bei einigen Teilnehmern unangenehme Erwartungen: oh je, der Typ von vorn wird wahrscheinlich auch noch andere ansprechen. Erwartungen, die ich nicht enttäusche….

Selbstverständlich spreche ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Vortrag an, aber nur wenn sie es wollen. Ob sie angesprochen werden wollen, zeigen sie deutlich, genauso ob es ihnen gleichgültig ist, oder sie es auf keinen Fall möchten. Körpersprache lügt nicht, deshalb so weiß ich Bescheid und arbeite nur mit Freiwilligen. Damit ihre Körpersprache authentisch sein kann, müssen die Teilnehmer entspannt sein und das sind sie nur, wenn sie sich wohl fühlen.

Eine produktive Wohlfühlatmosphäre herzustellen, ist meine Arbeit, die Arbeit des Edutainers. Seine Aufgabe ist, eine Beziehung zu den Anwesenden herzustellen, in der sie sich wohl fühlen. Erst dann können die sachlichen und fachlichen Inhalte kommen: „Reden wir über Kompetenzentwicklung.“

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